Wieder zurück aus Braunau wird’s jetzt Zeit für einen kleinen Demobericht:
Also das Wetter war perfekt (Sonne, aber nicht so stark, dass der Black Block in seiner Montur gebraten wird), Braunau war Trist (Platten ziehen einfach runter) und die Demonstration war klein (ich schätze 200 bis 300 Personen). Für eine 16.000 Einwohner_Innenstadt vielleicht ganz gut, aber dadurch, dass selbst wir in T-Berg City Flyer bekommen haben, dachte ich, dass es eine riesige Veranstaltung wird und eine große bürgerliche Masse von Braunauerinn_En mobilisiert werden kann. Aber dafür war der Aufruf wohl zu revolutionär/links gehalten. Aber auf ‘ne bürgerliche “antifaschistische” Bewegung ist abgesehen davon sowieso zu verzichten. Andererseits war der Einzugsbereich für die Demo doch sehr groß, so war die Wiener Antifa anwesend und ich hab nen Flyer von ‘nem Antifaladen aus Klagenfurt in die Hand gedrückt bekommen, was jetzt beides doch nicht um die Ecke ist. Es gab nur zwei Zwischenfälle, ansonsten ist die Demo verlaufen, wie Demos halt so verlaufen. Das eine war, dass nachdem zwei klar ersichtliche Faschos (Thor Steinar Pulli und Pali) neben der Demo hergelaufen sind und reingefilmt haben nach 200 Metern erst eine Gruppe Antifas auf sie zugegangen sind, wodurch die anderen dann alle nachgerückt sind. Hier hätte viel früher und entschiedener vorgegangen werden sollen. Die Bullen konnten die Gruppen aber sofort trennen. Und das andere war, als ein Pressefotograf physisch dazu aufgefordert worden ist, das fotografieren zu unterlassen. Auf der Endkundgebung vor Hitlers Geburtshaus wurde unter anderem die gute Zusammenarbeit der doch sehr verschiedenen Gruppen gegen Faschismus und Rassismus gelobt. Und, dass man in Zukunft Streitereien vermeiden solle, da eh an einem Strang gezogen wird. Naja, not my cup of tea. Von nach mehr Arbeitsplätzen rufenden Gewerkschaftlerinne_N über den Internationalismus hochlebenden Antiimperialistinn_En bis zu antideutschen Österreicherinne_N (‘tschuldigung, den konnt ich mir nicht verkneifen) waren alle Strömungen vertreten. Highlights waren, dass auf ein und dem selben Lauti Holger Burner (Zitat: “Ich bin gegen jeden Nationalismus und vor allem gegen den Zionismus”) und Egotronic lief und der Demospruch “antinationale Volksrandale!” (, der sich hoffentlich nie durchsetzen wird) von verwirrten Demonstranten kam. Als wir nach der Schlusskundgebung dann zu unseren Autos gingen ist ein 11-jähriger Junge (mit einem geistigen Alter von 88) auf dem Rad an uns vorbeigefahren und meinte, wir gehören doch alle vergast, was meiner Verwirrtheit über den ganzen Tag die Krone aufsetzte. Komische Stadt.
Da auf der Demo auch ‘mal “Radieschen auf Frischkäse” von den Dödelhaien lief, wollt ich auch nochmal auf die antisemitischen Totalausfälle von Ulrike Meinhof in diesem, meiner Meinung nach lesenswerten Artikel in der taz, verweisen. Dazu noch eine kleine Positionierung meinerseits: Ich bin nich der Meinung, dass Kritik an der israelischen Politik grundsätzlich antisemitisch ist, aber zum Beispiel
“In diesem Antisemitismus, der ins Volk reinmanipuliert worden ist, war die Sehnsucht nach dem Kommunismus, die dumpfe Sehnsucht nach der Freiheit von Geld und Banken.”
so etwas ist unabhängig davon einfach widerlich. Aber lest den Artikel einfach selbst. So sollte mensch sich also eher fragen, ob es nicht besser ist, dass die RAF nicht mehr kommen kann, “wenn man sie braucht”.
Und eine Kritik geht noch: Nach Jahren antifaschistischer Attitüde ist mir auf der Demo aufgefallen, wie kacke der Spruch “Nazis raus!” eigentlich ist. Also die Frage, wohin mit ihnen, wenn sie denn raus gehen, sollte sich jeder schon einmal gestellt haben. Sie hören ja nicht plötzlich auf, Arschlöcher zu sein, nur weil sie sie umgezogen sind. Das “raus” kann also lokalpatriotischer Natur sein, à la “Wir wollen keine Nazis in unserer schönen Stadt” oder nationaler; sie sollen also das Land verlassen uns “uns” nicht stören. Beide Varianten spielen also auf ein Volkskollektiv ab, dass all’ seine unliebsamen Elemente aus ihrer Mitte vertrieben wissen will um schön zu gedeihen. Das Volk wählt also, wer es verdient hat, Teil dessen zu sein und wer unwürdig/nieder ist. Sollte sich dieser Prozess dann fertig vollzogen haben, sind wir eine perfekte homogene Masse, die weiß, wo der Feind steht. Abgesehen davon sollte auch klar sein, dass Faschismus an seiner Wurzel zerstört werden muss und mit dem Abschieben von Nazis rein garnichts gewonnen ist. Dass sich das Wort Nazi auch mit jeder anderen unliebsam gewordenen Gruppe austauschen lässt, soll dabei auch bedacht werden. Kurz zusammengefasst: Ich will hier nicht sagen, dass gegen-Nazis-sein schlecht ist, aber es muss bewusst sein, dass Nazis nur die Symptome sind in einer Gesellschaft, in der der Faschismus florieren kann und nicht die eigentlich Ursache, die es viel mehr zu bekämpfen gilt.
Vielen Danke für die Aufmerksamkeit.
Kritik an meinem Geschreibsel ist natürlich immer gerne gesehen.